









Sargassum ist eine Gattung von Braunalgen, die im tropischen und subtropischen Atlantik vorkommt. Zwei Arten – Sargassum natans und Sargassum fluitans – haben eine besondere Lebensweise: Sie treiben ihr gesamtes Leben frei im Ozean, ohne sich am Meeresboden festzusetzen. Mit gasgefüllten Bläschen bleiben sie an der Wasseroberfläche und bilden dichte goldbraune Matten.
Im offenen Meer erfüllen diese schwimmenden Algen wichtige ökologische Funktionen. Sie bieten Nahrung, Schutz und Laichplätze und gelten als Kinderstube für zahlreiche Fisch- und Schildkrötenarten. Große Ansammlungen von Sargassum können mit den Strömungen treiben und weite Flächen bedecken. So entstand auch die nach ihnen benannte Sargasso See im Nordatlantik.
Seit 2011 treten jedoch ungewöhnlich große Mengen von Sargassum in der Karibik auf. Küsten von Barbados, Martinique, Guadeloupe, der Dominikanischen Republik oder Mexiko sind regelmäßig betroffen. Dort werden die Algen zum Problem: Sie beeinträchtigen Strände, belasten Tourismus und Fischerei und gefährden Küstenökosysteme.
Gleichzeitig zeigen Beobachtungen vor Ort, dass Menschen sehr unterschiedlich mit dem Phänomen umgehen. Manche sehen Sargassum als Ärgernis oder Katastrophe, andere als „neue Normalität“ oder sogar als wirtschaftliche Chance. Diese Vielfalt an Sichtweisen macht deutlich: Das Auftreten von Sargassum wird nicht einheitlich gedeutet, sondern ist von ambivalenten Bedeutungen geprägt.


The Great Mayan Reef, officially known as the Mesoamerican Barrier Reef System, stretches 1,000 kilometers along the Caribbean coasts of Mexico, Belize, and Honduras. It is a key component of the Caribbean ecosystem. The reef system is degrading at an alarming rate, and one suspected actor is Sargassum, which makes photosynthesis below the surface more difficult for underwater flora and fauna. Sargassum has also been associated with degraded water quality, depleting nutrient levels and changing the colors of coastal waters. A damaged reef is a significant environmental problem, and goes hand in hand with a damaged beach, as reef degradation leads to beach erosion.
















Seegraswiesen, unter Wasser wachsende Grasfelder, sind ein oft unscheinbarer, aber entscheidender Faktor für den Erhalt der karibischen Strände. Sie spielen eine zentrale Rolle in den Küstenökosystemen: Sie stabilisieren Küsten, verhindern Erosion, verlangsamen Stürme und Hurrikane, bieten Nahrung für zahlreiche Arten und dienen vielen Lebewesen als Lebensraum.
Doch der Zustand der Seegräser in Mexiko und anderswo verschlechtert sich zunehmend. Seegraswiesen leiden unter den Folgen des Klimawandels und menschlichen Einflusses auf die Umwelt. Ein Faktor, der zum Rückgang der Seegräser beiträgt, ist Sargassum. Seine Anlandungen verändern den pH-Wert, die Temperatur und die Wasserqualität an den Küsten. Außerdem wird durch die Algen das Sonnenlicht unter Wasser blockiert, was die Photosynthese der Seegräser verhindert. Absterbende Seegraswiesen machen das Küstenökosystem anfälliger und bedrohen die Arten und wirtschaftlichen Aktivitäten, die davon abhängen.
„Seit wir Sargassumanlandungen haben, sehe ich immer mehr totes Seegras an den Stränden. Ich habe gelernt, dass die Seegräser sterben, weil das Sargassum das Wasser trübt und den Sauerstoffgehalt senkt. Das beunruhigt mich sehr, weil wir das Seegras als Küstenschutz brauchen.“
– Flora, Meeresbiologin
„Dort, wo die braunen Sargassumfluten auftauchen, stirbt alles. Alles am Meeresboden: alle benthischen Arten, kleine Korallen, alle Seegräser und alle Fische. Wer sich nicht rechtzeitig zurückziehen kann, stirbt, weil alle Sauerstoff brauchen.“
– Eva, Meeresbiologin
„Die Strände erodieren, weil das Seegras verschwindet. Die Seegräser halten den Sand, ohne sie rutscht er ab.“
– Eva, Meeresbiologin



Das Große Maya-Riff ist Heimat einiger der beeindruckendsten Fischarten der Karibik. Ihre leuchtenden Farben und die hohe Artenvielfalt ziehen Tourist:innen aus aller Welt an. Doch die Anlandungen von Sargassum verändern das Verhalten der Fische. In Küstengewässern und in der Nähe des Riffs reduziert Sargassum den Sauerstoffgehalt, verändert pH-Wert, Temperatur und Wasserqualität. Dadurch wird das Riff – einst ein sicherer Lebensraum – für viele Arten unbewohnbar. Fische wie Papageienfische, Kaiserfische, Aale oder Doktorfische ziehen näher an die Küste, was zu hohen Sterberaten führen kann.
Im offenen Ozean wirkt Sargassum hingegen anders: Dort bietet es Nahrung, Schutz und Lebensraum für zahlreiche kleine Fische, Krebstiere und andere Meeresorganismen. Sargassum schafft in ansonsten offenen Gewässern eine Struktur und ein komplexes, wichtiges Ökosystem.







Fischerei sichert vielen Menschen und Familien in der Karibik ihren Lebensunterhalt. Sie ist jedoch stark abhängig von den wechselnden Bedingungen der Umwelt. Die Auswirkungen des Klimawandels haben die Art und Weise, wie Fischerei betrieben wird, bereits verändert. Dicke Sargassummatten stellen für Fischer:innen ein neues Hindernis dar: Sie verfangen sich in Netzen, blockieren Boote und können Motoren beschädigen. Hohe Fischsterblichkeit verringert zudem den Bestand verfügbarer Fischarten. Neue Fischarten, wie der Bernsteinfisch, haben das Fangbild verändert. Einige Fischer:innen haben die Fischerei bereits aufgegeben und suchen nach alternativen Einkommensquellen.



Tourguides entlang der Riviera Maya bieten Schnorchelausflüge, Angeltrips und Begegnungen mit Schildkröten an. Sie laufen an den Stränden auf und ab, warten an Bootsstegen auf neue Gäste oder gehen durch die Straßen, um Tourist:innen anzusprechen. Viele Guides sind besorgt über Tourabsagen, geringere Nachfrage und die Auswirkungen von Sargassum auf das Meeresleben. Gleichzeitig müssen sie Zeit und Geld in Reinigungs- und Entfernungsarbeiten der Algen investieren, damit Besucher:innen überhaupt noch an die Strände wollen.
Die Herausforderung liegt auch darin, dass Sargassumblüten schwer vorhersehbar sind und saisonalen Schwankungen unterliegen, was die Planung von Touren erschwert. Um die Auswirkungen auf ihr Geschäft abzumildern, haben Tourguides begonnen, ihr Angebot zu diversifizieren, ihre Zeitpläne anzupassen und Tourist:innen über die aktuellen Strandbedingungen sowie alternative Möglichkeiten für ihren Urlaub zu informieren.
„Ich habe viele Bilder auf meinem Handy mit sehr schlechten Sargassumbedingungen. Wenn Kund:innen auf mich zukommen, zeige ich ihnen, wie schlimm es werden kann – und versichere ihnen, dass sie das nicht erleben werden, wenn sie bei mir buchen!“
– Alejandro, Tourguide
„Früher erkundigten sich Reisende bei mir nur nach der Sicherheitslage auf der Yucatán-Halbinsel, wenn sie Touren buchen wollten. Heute ist Sargassum die erste Frage, Sicherheit die zweite. Die Anlandung der Algen hat die Sorgen der Tourist:innen stark verändert.“
– Nina, Tourguide– Nina, tour guide
„Ich habe Meeresbiologie studiert und geliebt, was ich tat. Zusammen mit meiner Familie habe ich mich dann entschieden, nicht im Forschungsbereich zu arbeiten, sondern in der Tourismusbranche. Da wurde ich lange besser bezahlt! Aber jetzt merke ich den Unterschied. Ich verkaufe weniger Schnorcheltouren, und Tourist:innen verbringen lieber Zeit am Pool als auf Ausflügen.“
– Ramón, Schnorchelguide







Die Karibik, Heimat des Großen Maya-Riffs, ist ein wichtiger Forschungsraum für Wissenschaftler:innen, die zu Ozeanen-, Riffen- und Küstenökosystemen forschen. Mit zunehmenden Sargassumanlandungen wenden sich Öffentlichkeit und Medien verstärkt an Forschende, um Antworten zu erhalten. Sargassum hat Forschungsinteressen, Projekte und Forschungsprogramme stark beeinflusst: Wissenschaftler:innen versuchen, so viele Informationen wie möglich zu sammeln – über Ursachen der Sargassumblüten, Auswirkungen auf das Ökosystem und mögliche Maßnahmen zum Schutz des Ökosystems. Die laufende Forschung erweitert das Verständnis von Sargassum und seiner Rolle in den Küsten-, Riff- und Ozeansystemen, auch wenn es eine Herausforderung ist, mit der Geschwindigkeit der Umweltveränderungen Schritt zu halten.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages an Küstenrenaturierung arbeiten würde, aber genau das tue ich jetzt. Wie man die Seegraswiesen im mexikanischen Karibikraum wiederherstellt, ist heute eines meiner wichtigsten Anliegen. Ich studiere keine Meerespflanzen mehr, keine bestäubenden Insekten etc., sondern wie man die Küste wiederherstellt. Sargassum hat meine Arbeit und Forschungsinteressen enorm verändert.“
– Flora, Meeresbiologin
„Unser Wissen über Sargassum ist noch relativ begrenzt, weil das Phänomen hier erst seit wenigen Jahren auftritt. Viele Dinge über die Algen sind unklar, und je mehr wir forschen, desto mehr Fragen entstehen. Um ehrlich zu sein, haben wir bisher sehr wenig Informationen.“
– Tadeo, Meeresbiologe
„Es war nicht meine Wahl, mich mit Sargassum zu beschäftigen – es hat mich gewählt. Ich hatte nie vor, diese Algen zu erforschen, aber jetzt, da sie unsere Küste bevölkern, muss ich es tun.“
– Loreena, Meeresbiologin








Die Anlandung ungewöhnlich großer Mengen Sargassum und der Druck, die Strände und Küsten von den Algen zu befreien, machen Strandreiniger:innen zu wichtigen Akteur:innen in der Karibik. Die Reinigung kann auf unterschiedliche Weise erfolgen: Einige Teams nutzen schwere Maschinen, um Sargassum von der Küste zu transportieren, andere setzen große Siebe ein, um Sand von den Algen zu trennen und Erosion zu vermeiden. Oft wird Sargassum manuell mit Harken entfernt – eine körperlich anstrengende und nicht ungefährliche Arbeit. Das verrottende Sargassum setzt Ammoniak und Schwefelwasserstoff frei, die bei längerer Exposition gesundheitsschädlich sein können. Während der Spitzenzeiten muss die Arbeit täglich wiederholt werden.




Entweder man wird mit Sargassum reich oder man wird es los – das ist ein weit verbreitetes Motto in der Karibik. Einige Menschen sehen in Sargassum wirtschaftliches Potenzial, während andere hoffen, die Algen vollständig loszuwerden. Unternehmer:innen entwickeln Produkte aus Sargassum, darunter Dünger, Biokraftstoff, veganes Leder, Seife, Papier oder sogar Bausteine. Auch die Strandreinigung und das Entfernen von Sargassum haben sich zu einer eigenen Branche entwickelt. Die Szene des Sargassumunternehmertums wächst, internationalisiert sich schnell und vernetzt oft junge Gründer:innen aus aller Welt.






The white, flawless sand of the Mexican Caribbean is an integral part of the image of beach paradise that underpins the region’s tourism industry. But this image is becoming more and more of a challenge to make good on. Sand is disappearing due to coastal erosion brought about by excessive arrivals of Sargassum which have prompted intense and frequent cleanings where sand, entangled with the rotting seaweed, is often transported away from the beach and buried further inland. The sand that is left of the beach is also changing, from the soft and white expectation to a hard and greyish brown reality, resulting from Sargassum decomposition on the beach.






Wenn man an das „karibische Paradies“ denkt, stellt man sich wahrscheinlich weiße Sandstrände, Palmen, die Schatten und Kokosnüsse spenden, sowie glitzerndes Wasser vor, das zum Schnorcheln einlädt. Durch die massiven Anlandungen von Sargassum wird dieses Paradies jedoch zunehmend herausgefordert. Gestrandetes Sargassum häuft sich am Ufer, verrottet in der Sonne, entwickelt einen schwefeligen Geruch und färbt den weißen Sand braun. Auch in seichten Küstengewässern zersetzt sich das Sargassum und verfärbt das zuvor klare Wasser bräunlich – ein Phänomen, das Wissenschaftler:innen als „braune Flut“ bezeichnen.
Das Entfernen von Sargassum vom Strand ist üblich, bringt jedoch eigene Probleme mit sich: Sand wird mit der Alge abtransportiert, Palmenwurzeln werden freigelegt, und schwere Maschinen verdichten den Sand, sodass der Strand hart wird.




Das karibische „Strandparadies“ entsteht durch die Nutzung natürlicher Ressourcen, und Hotelbesitzer:innen profitieren finanziell stark davon. Wenn jedoch massive Sargassumanlandungen dieses Bild von Paradiesstränden und die gesamte Tourismusindustrie bedrohen, sind gerade die Hotels wirtschaftlich besonders betroffen. Um den versprochenen Strand zu gewährleisten und Tourist:innen – und ihre Ausgaben – anzuziehen, benötigen Hotelbesitzer:innen saubere Strände, frei von Sargassum. Viele Hotels entlang der Karibikküste investieren erheblich in Strategien, um die Strände freizuhalten, sei es durch Barrieren oder durch manuelles Rechen der Algen. Diese unterschiedlichen Maßnahmen wirken sich durchaus aber auch negativ auf das umliegende Ökosystem aus.




Cenoten sind natürliche Kalksteinlöcher oder Süßwasserbecken, die durch den Einsturz von Kalksteinformationen entstehen, die diesen eigentlich unterirdischen Wasserquellen freilegen. Die Halbinsel Yucatán ist für ihre Vielzahl an Cenoten bekannt. Diese unterirdischen Wasserbecken sind nicht nur geologisch faszinierend, sondern auch kulturell und historisch bedeutsam für die Maya. Sie betrachteten und betrachten Cenoten als heilige Orte, nutzten sie für religiöse Zeremonien und als lebenswichtige Wasserquelle.
Heute spielen Cenoten auch eine wichtige Rolle im Tourismus: Besucher:innen schwimmen in kristallklarem, türkisfarbenem Wasser, tauchen in Höhlen und entspannen in Hängematten. Die Ankunft von Sargassum beeinflusst die Cenoten und ihr empfindliches Ökosystem auf zwei Arten: Immer mehr Tourist:innen baden in den Cenoten und hinterlassen Müll und Sonnenschutzreste. Außerdem wird Sargassum, das unsachgemäß im Dschungel entsorgt wird, flüssig und sickert in die Cenoten, wodurch sich die Nährstoffzusammensetzung verändert und das Ökosystem beeinflusst wird.


Das Große Maya-Riff, offiziell als Mesoamerikanisches Riff bekannt, erstreckt sich über rund 1.000 Kilometer entlang der Karibikküsten von Mexiko, Belize und Honduras. Es ist ein zentraler Bestandteil des karibischen Ökosystems und bietet Lebensraum für zahlreiche Fischarten, Meeresschildkröten, Korallen und andere marine Organismen.
Das Riff steht jedoch unter starkem Druck und hat in den letzten Jahrzehnten erheblich an Struktur und Artenvielfalt verloren. Ein zunehmend diskutierter Faktor ist Sargassum: Die großen Algenmassen erschweren die Photosynthese für Unterwasserpflanzen und wirken sich negativ auf Wasserqualität und Nährstoffverhältnisse aus. Veränderungen in der Wasserfarbe und erhöhte Nährstoffkonzentrationen können die empfindlichen Riffökosysteme zusätzlich belasten.
Ein geschädigtes Riff ist nicht nur ein ökologisches Problem, sondern wirkt sich auch direkt auf die Küsten aus. Riffzerstörung führt zu Erosion an Stränden, da das Riff als natürliche Schutzbarriere gegen Wellen und Wind verloren geht.