AMBIVALENTE ALGEN

Algae
Ambivalences

AMBIVALENTE
ALGEN

Sargassum

Sargassum ist eine Gattung von Braunalgen, die im tropischen und subtropischen Atlantik vorkommt. Zwei Arten – Sargassum natans und Sargassum fluitans – haben eine besondere Lebensweise: Sie treiben ihr gesamtes Leben frei im Ozean, ohne sich am Meeresboden festzusetzen. Mit gasgefüllten Bläschen bleiben sie an der Wasseroberfläche und bilden dichte goldbraune Matten.
Im offenen Meer erfüllen diese schwimmenden Algen wichtige ökologische Funktionen. Sie bieten Nahrung, Schutz und Laichplätze und gelten als Kinderstube für zahlreiche Fisch- und Schildkrötenarten. Große Ansammlungen von Sargassum können mit den Strömungen treiben und weite Flächen bedecken. So entstand auch die nach ihnen benannte Sargasso See im Nordatlantik.
Seit 2011 treten jedoch ungewöhnlich große Mengen von Sargassum in der Karibik auf. Küsten von Barbados, Martinique, Guadeloupe, der Dominikanischen Republik oder Mexiko sind regelmäßig betroffen. Dort werden die Algen zum Problem: Sie beeinträchtigen Strände, belasten Tourismus und Fischerei und gefährden Küstenökosysteme.
Gleichzeitig zeigen Beobachtungen vor Ort, dass Menschen sehr unterschiedlich mit dem Phänomen umgehen. Manche sehen Sargassum als Ärgernis oder Katastrophe, andere als „neue Normalität“ oder sogar als wirtschaftliche Chance. Diese Vielfalt an Sichtweisen macht deutlich: Das Auftreten von Sargassum wird nicht einheitlich gedeutet, sondern ist von ambivalenten Bedeutungen geprägt.
 

„Sargassum ist ein Ärgernis!“
– Fischer aus Mahahual
„Für mich ist es die Rache von Mutter Natur für unser Verhalten!“
– Bewohnerin aus Puerto Morelos
„Sargassum ist eine große Chance – man kann so viele Produkte daraus herstellen.“
– Unternehmer aus Tulum
„Wir sollten es akzeptieren. Es wird unsere neue Normalität in der Karibik sein.“
– Umweltschützerin aus Cancún
„Sargassum ist eine Katastrophe. Wenn ich die Strände sehe, möchte ich nur weinen.“
– Riff-Ökologin aus Puerto Morelos
„Das Auftreten von Sargassum hat unsere Gemeinschaft erschüttert – wirtschaftlich und ökologisch.“
– Bewohner aus Akumal

Reef

The Great Mayan Reef, officially known as the Mesoamerican Barrier Reef System, stretches 1,000 kilometers along the Caribbean coasts of Mexico, Belize, and Honduras. It is a key component of the Caribbean ecosystem. The reef system is degrading at an alarming rate, and one suspected actor is Sargassum, which makes photosynthesis below the surface more difficult for underwater flora and fauna. Sargassum has also been associated with degraded water quality, depleting nutrient levels and changing the colors of coastal waters. A damaged reef is a significant environmental problem, and goes hand in hand with a damaged beach, as reef degradation leads to beach erosion.

“The reef is what I consider a breaker zone. It protects our shores from heavy waves and wind.”
– Flora, marine biologist
“We all know that the reef has been declining for the past 25 years. And now Sargassum was another bad news. Because it brings along too many nutrients. Our reefs have everything against them.”
– Miguel, environmental activist
“The reef is eroding at an alarming rate. The seagrasses are going to deteriorate even further, near the shore, most of them are gone already because of the Sargassum brown tides. I have never seen that before, and the sea is not like it was before Sargassum.”
– Eva, marine biologist

Tourismus

Der Tourismus an der weltberühmten Riviera Maya macht rund 80 % der Wirtschaftstätigkeit der Region aus. Besucher:innen kommen wegen der Strände, des türkisfarbenen Wassers und des Urlaubsgefühls – die Region gilt als ein klassisches Karibik­paradies.
Die zunehmenden Anlandungen von Sargassum haben dieses Bild jedoch verändert. Die Algen bedecken Strände, verursachen unangenehme Gerüche und wirken auf Reisende oft unansehnlich. Für Tourist:innen kann das den Aufenthalt beeinträchtigen: Der Geruch überdeckt die Meeresbrise, Fotos wirken weniger idyllisch, und wer ins Wasser geht, kann leicht von den Algen umschlungen werden.
Die ablehnende Haltung der Tourist:innen gegenüber Sargassum erzeugt Handlungsdruck. Dieser reicht von kostspieligen Maßnahmen wie Barrieren oder Strandreinigungen bis hin zu einer eher naturnahen Planung, die den Schutz und die Integrität der Küstenökosysteme berücksichtigt.
„Durch den Tourismus bekommt Sargassum viel Aufmerksamkeit. Saubere Strände sind für die Branche überlebenswichtig. Aber ich beobachte, dass Tourist:innen wegen der Algen weniger Interesse an unseren Stränden zeigen. Sie gehen lieber in Clubs, an die Bar oder nutzen die Cenoten. Dann fürchte ich, dass die Menschen unsere Küsten und das Meer vergessen.“
– Ramon, Bewohner von Mahahual
„Die Menschen reisen nicht mehr so unbesorgt in die mexikanische Karibik. Sie machen sich Sorgen wegen Sargassum und fragen schon vor ihrer Ankunft: Wie ist die Lage? Gibt es Algen im Wasser oder am Strand? Sie wollen es vermeiden und beginnen, Buchungen zu stornieren.“
– Evelyn, Hotelmanagerin
„Ich hatte immer dieses Bild von Mexiko: weiße Sandstrände, ein bisschen schick, vielleicht etwas inszeniert, aber tolle Strände. Dann waren wir in Playa del Carmen… und wir wollten unbedingt an den Strand, waren aber völlig überrascht. Es gab so viele Algen, und wir wussten nicht, wie wir damit umgehen sollten. Wir versuchten trotzdem, durch das Wasser zu schwimmen, in der Hoffnung, dass es weiter draußen besser ist. Es war nicht angenehm, und am Ende verbrachten wir nur ein oder zwei Tage am Meer.“
– Anna, Touristin

Walhaie

Walhaie sind die größten Fische der Weltmeere. Isla Mujeres, eine Insel vor der Küste von Yucatán, ist ein wichtiger Ort für Begegnungen mit Walhaien, da hier besonders viel Plankton vorkommt – ihre Hauptnahrungsquelle. Jedes Jahr, etwa von Mai bis September, wandern die Tiere in die Region, um zu fressen und sich fortzupflanzen. Begegnungen mit Walhaien sind eine der Hauptattraktionen für Tourist:innen.
In letzter Zeit wurden jedoch weniger Walhaie gesichtet. Einige Guides vermuten, dass dies mit Sargassum zusammenhängen könnte. Wissenschaftlich ist dies bisher nicht belegt, zeigt aber ein häufig beobachtetes Phänomen vor Ort: Menschen nehmen Veränderungen wahr, die sie verwirren, und vermuten, dass Sargassum eine wichtige Rolle spielt – auch wenn die Zusammenhänge komplex sind, sehen Menschen in der Alge häufig die Ursache.
„Ich glaube nicht, dass Sargassum die Walhaie direkt beeinflusst, aber jede Veränderung im Ökosystem kann Auswirkungen auf das Meeresleben haben, zum Beispiel auf die Verteilung und Menge von Plankton. Sargassum könnte somit die Nahrungs­verfügbarkeit der Walhaie beeinflussen.“
– Mirja, Meeresbiologin
„Ich habe gehört, dass weniger Walhaie in der Gegend sind. Manche sagen, dass Tourist:innen sie verschrecken, und das sei der Grund für die geringere Zahl in Isla Mujeres. Trotzdem wollte ich die Begegnung abhaken – andere machen es doch auch, warum sollte ich verzichten?“
– Monica, Touristin

Meeres­schildkröten

Die Karibik Mexikos ist Heimat vieler Meeresschildkröten, doch ihr Leben ist alles andere als einfach. Jahrhunderte lang wurden Schildkröten als Nahrung oder Trophäen gejagt. Während das Jagen heute verboten ist, kommen heute Umweltverschmutzung, industrielle Fischerei, Meeres­tourismus und Küstenbebauung hinzu, die die Bestände stark belasten. In der Bucht von Akumal, deren Name in der Mayasprache „Ort der Schildkröten“ bedeutet, gibt es Schutzmaßnahmen für Unechte Karettschildkröten und Grüne Meeresschildkröten. Anlandendes Sargassum stellt dabei eine besondere Herausforderung dar: Schildkröten können sich in den dichten Algenmatten verfangen, was das Nisten verhindert. Selbst wenn sie ihre Eier ablegen, bedroht das verrottende Sargassum auf dem Strand die Eier und späteren Jungtiere. Ihr „Marsch ins Meer“ wird dadurch noch schwieriger, da sie Hürden aus Algen überwinden müssen.
„Morgens finden wir oft unendliche Mengen Müll am Strand: Duschgelflaschen, Colaflaschen, alte Schuhe, medizinische Produkte – alles verheddert im Sargassum. Und manchmal mitten darin Schildkrötenjungtiere. Ich frage mich oft: Wohin führt das alles?“ – Loreena, Meeresbiologin
„Wenn wir sehen, dass eine Schildkröte ihr Nest nahe an Sargassumhaufen gelegt hat, müssen wir es umsetzen, weil es giftig ist. Es kann jedes einzelne Ei töten. Das große Problem ist, dass wir Nistplätze verlieren, weil so viele Algen am Strand liegen, dass die Schildkröten nicht über den Sand kommen.“ – Alesia, Schildkröten­schutzprogramm
„Sargassum ist hier wirklich wie eine Barriere. Es ist nicht flexibel und kann sich zu riesigen Haufen auftürmen. Schildkröten können nicht hindurch. Sargassum macht das Leben der Schildkröten hier in Akumal sehr schwer.“ – Juan, Schildkrötenschutzprogramm

Seegras

Seegraswiesen, unter Wasser wachsende Grasfelder, sind ein oft unscheinbarer, aber entscheidender Faktor für den Erhalt der karibischen Strände. Sie spielen eine zentrale Rolle in den Küstenökosystemen: Sie stabilisieren Küsten, verhindern Erosion, verlangsamen Stürme und Hurrikane, bieten Nahrung für zahlreiche Arten und dienen vielen Lebewesen als Lebensraum.
Doch der Zustand der Seegräser in Mexiko und anderswo verschlechtert sich zunehmend. Seegraswiesen leiden unter den Folgen des Klimawandels und menschlichen Einflusses auf die Umwelt. Ein Faktor, der zum Rückgang der Seegräser beiträgt, ist Sargassum. Seine Anlandungen verändern den pH-Wert, die Temperatur und die Wasserqualität an den Küsten. Außerdem wird durch die Algen das Sonnenlicht unter Wasser blockiert, was die Photosynthese der Seegräser verhindert. Absterbende Seegraswiesen machen das Küstenökosystem anfälliger und bedrohen die Arten und wirtschaftlichen Aktivitäten, die davon abhängen.

„Seit wir Sargassumanlandungen haben, sehe ich immer mehr totes Seegras an den Stränden. Ich habe gelernt, dass die Seegräser sterben, weil das Sargassum das Wasser trübt und den Sauerstoffgehalt senkt. Das beunruhigt mich sehr, weil wir das Seegras als Küstenschutz brauchen.“
– Flora, Meeresbiologin

„Dort, wo die braunen Sargassumfluten auftauchen, stirbt alles. Alles am Meeresboden: alle benthischen Arten, kleine Korallen, alle Seegräser und alle Fische. Wer sich nicht rechtzeitig zurückziehen kann, stirbt, weil alle Sauerstoff brauchen.“
– Eva, Meeresbiologin

„Die Strände erodieren, weil das Seegras verschwindet. Die Seegräser halten den Sand, ohne sie rutscht er ab.“
– Eva, Meeresbiologin

Fische

Das Große Maya-Riff ist Heimat einiger der beeindruckendsten Fischarten der Karibik. Ihre leuchtenden Farben und die hohe Artenvielfalt ziehen Tourist:innen aus aller Welt an. Doch die Anlandungen von Sargassum verändern das Verhalten der Fische. In Küsten­gewässern und in der Nähe des Riffs reduziert Sargassum den Sauerstoff­gehalt, verändert pH-Wert, Temperatur und Wasserqualität. Dadurch wird das Riff – einst ein sicherer Lebensraum – für viele Arten unbewohnbar. Fische wie Papageien­fische, Kaiserfische, Aale oder Doktorfische ziehen näher an die Küste, was zu hohen Sterberaten führen kann.
Im offenen Ozean wirkt Sargassum hingegen anders: Dort bietet es Nahrung, Schutz und Lebensraum für zahlreiche kleine Fische, Krebstiere und andere Meeresorganismen. Sargassum schafft in ansonsten offenen Gewässern eine Struktur und ein komplexes, wichtiges Ökosystem.

„Im offenen Ozean ist Sargassum ein Zufluchtsort für viele kleine Fische, für viele Tiere, Garnelen und natürlich auch für Sargassumfische. Es gibt eine Struktur in einem sonst unstrukturierten offenen Ozean. Ein komplexes und wichtiges Ökosystem mitten im Meer. Es ist schön und großartig. Wenn es dort bleibt, gibt es überhaupt kein Problem.“
– Eva, Meeresbiologin
„Ich finde immer öfter tote Fische am Strand oder in flachem Wasser. Der Geruch ist schrecklich, und es macht mich sehr traurig. Ich glaube, sie sterben wegen des Sauerstoffmangels, der durch die Zersetzung von Sargassum entsteht. Unsere Rifffische haben es sehr schwer.“
– Flora, Meeresbiologin
„Es überrascht mich nicht, dass Fische jetzt in unseren flachen Gewässern sterben. Als Kind war die Gegend wie ein Aquarium. Ich konnte die bunten Fische vom Strand aus beobachten. Das ist Geschichte. Jetzt, wenn viel Sargassum ankommt, fühlt sich das Wasser heiß an, wenn man den Finger hineinhält. Sargassum verschmutzt unsere Küstengewässer, und dass die Fische sterben, überrascht mich nicht.“
– Ramon, Bewohner von Mahahual

Wasser

Klares, blaues Wasser wird durch das Auftreten von Sargassum immer seltener. In Küstennähe verändert das verrottende Sargassum den pH-Wert, die Temperatur und die Wasser­qualität. Diese Veränderungen wirken sich auf Riffe, Fische und andere Lebewesen aus – oft in schädlicher Weise. Manche Wirkungen von Sargassum auf das Wasser sind jedoch weniger sichtbar und werden häufig übersehen. Auf dem offenen Meer erscheint Sargassum wie ein goldener, treibender Kranz. Es nimmt überschüssige Nährstoffe aus eutrophierten Gewässern auf und speichert sie. Gleichzeitig bietet es kleinen Fischen und anderen Meerestieren Schutz und schafft einen einzigartigen, schwimmenden Lebensraum. Die Wechselwirkungen zwischen Sargassum und Wasser sind komplex und dynamisch.
„Ich habe Sargassum zum ersten Mal im Wasser gesehen. Es war überall, und ich hatte es vorher nie gesehen. Wenn es im Ozean treibt, sieht es golden und sehr schön aus. Ich war fasziniert und habe meine ersten Proben gesammelt. So habe ich mein Interesse an Sargassum entwickelt.“
– Mia, Meeresbiologin
„Sargassum bringt so viel organisches Material mit, dass das System in seiner Evolution wohl seit Tausenden von Jahren nichts Vergleichbares erfahren hat. Wir Menschen verschmutzen das Ökosystem bereits mit unserem Müll und Abwasser. Sargassum verstärkt diesen Prozess um das 30-fache. Es erhöht den anthropogenen Einfluss auf das System der mexikanischen Karibik erheblich.“
– Eva, Meeresbiologin
„Wir Menschen tragen mit unserem Müll und allem, was wir ins Meer werfen, dazu bei, dass die Ozeane leiden. Aber das Meer ist sehr clever: Es holt zurück, was es nicht mehr will, und bringt es zu den Menschen zurück. Zusammen mit dem Sargassum landet also auch all der Plastikmüll wieder an den Stränden.“
– Orlando, Unternehmer

Fischer:innen

Fischerei sichert vielen Menschen und Familien in der Karibik ihren Lebensunterhalt. Sie ist jedoch stark abhängig von den wechselnden Bedingungen der Umwelt. Die Auswirkungen des Klimawandels haben die Art und Weise, wie Fischerei betrieben wird, bereits verändert. Dicke Sargassummatten stellen für Fischer:innen ein neues Hindernis dar: Sie verfangen sich in Netzen, blockieren Boote und können Motoren beschädigen. Hohe Fischsterblichkeit verringert zudem den Bestand verfügbarer Fischarten. Neue Fischarten, wie der Bernsteinfisch, haben das Fangbild verändert. Einige Fischer:innen haben die Fischerei bereits aufgegeben und suchen nach alternativen Einkommensquellen.

„Niemand hört uns wirklich zu. Es fühlt sich an, als würden wir rückwärts statt vorwärts gehen. Die Politiker tun immer so, als wüssten sie es besser, aber sie verstehen die Natur nicht. Wir leben seit jeher mit dem Ozean. Ich habe Wissen, aber niemand will zuhören.“
– Juan, Fischer in Mahahual
„Für viele Menschen an der Küste ist Fischerei die Hauptquelle des Lebensunterhalts. Sie versorgen damit ihre Familien und können damit die Grundbedürfnisse decken. Stell dir vor, du gibst viel Geld aus, um zum Fischen aufs Meer zu gehen – und statt Fisch findest du nur Sargassum in den Netzen. Das Geld ist verloren und erhöht die Armut der ohnehin schon armen Gemeinde.“
– Raúl, Fischereibehörde
„Die Fischergemeinschaft leidet sehr, weil Sargassum die Fischerei praktisch lahmlegt. Es liegt überall an den Stränden, man kann die Boote nicht starten, hat keinen Zugang zum Wasser, Fischer trauen sich nicht auf die Fanggründe. Manche fahren nachts in Sargassumfelder, sehen es nicht, der Motor bleibt stecken, überhitzt und sie müssen weit draußen abgeschleppt werden. Sie geraten in Panik.“
– Flora, Meeresbiologin

Tourguides

Tourguides entlang der Riviera Maya bieten Schnorchelausflüge, Angeltrips und Begegnungen mit Schildkröten an. Sie laufen an den Stränden auf und ab, warten an Bootsstegen auf neue Gäste oder gehen durch die Straßen, um Tourist:innen anzusprechen. Viele Guides sind besorgt über Tour­absagen, geringere Nachfrage und die Auswirkungen von Sargassum auf das Meeresleben. Gleichzeitig müssen sie Zeit und Geld in Reinigungs- und Entfernungs­arbeiten der Algen investieren, damit Besucher:innen überhaupt noch an die Strände wollen.
Die Herausforderung liegt auch darin, dass Sargassumblüten schwer vorhersehbar sind und saisonalen Schwankungen unterliegen, was die Planung von Touren erschwert. Um die Auswirkungen auf ihr Geschäft abzumildern, haben Tourguides begonnen, ihr Angebot zu diversifizieren, ihre Zeitpläne anzupassen und Tourist:innen über die aktuellen Strandbedingungen sowie alternative Möglichkeiten für ihren Urlaub zu informieren.

„Ich habe viele Bilder auf meinem Handy mit sehr schlechten Sargassumbedingungen. Wenn Kund:innen auf mich zukommen, zeige ich ihnen, wie schlimm es werden kann – und versichere ihnen, dass sie das nicht erleben werden, wenn sie bei mir buchen!“
– Alejandro, Tourguide

„Früher erkundigten sich Reisende bei mir nur nach der Sicherheitslage auf der Yucatán-Halbinsel, wenn sie Touren buchen wollten. Heute ist Sargassum die erste Frage, Sicherheit die zweite. Die Anlandung der Algen hat die Sorgen der Tourist:innen stark verändert.“
– Nina, Tourguide
– Nina, tour guide

„Ich habe Meeresbiologie studiert und geliebt, was ich tat. Zusammen mit meiner Familie habe ich mich dann entschieden, nicht im Forschungsbereich zu arbeiten, sondern in der Tourismusbranche. Da wurde ich lange besser bezahlt! Aber jetzt merke ich den Unterschied. Ich verkaufe weniger Schnorcheltouren, und Tourist:innen verbringen lieber Zeit am Pool als auf Ausflügen.“
– Ramón, Schnorchelguide

Wissen­schaftler:innen

Die Karibik, Heimat des Großen Maya-Riffs, ist ein wichtiger Forschung­sraum für Wissen­schaft­ler:innen, die zu Ozeanen-, Riffen- und Küstenöko­systemen forschen. Mit zunehmenden Sargassum­anlandungen wenden sich Öffentlichkeit und Medien verstärkt an Forschende, um Antworten zu erhalten. Sargassum hat Forschungsinteressen, Projekte und Forschungsprogramme stark beeinflusst: Wissenschaftler:innen versuchen, so viele Informationen wie möglich zu sammeln – über Ursachen der Sargassumblüten, Auswirkungen auf das Ökosystem und mögliche Maßnahmen zum Schutz des Ökosystems. Die laufende Forschung erweitert das Verständnis von Sargassum und seiner Rolle in den Küsten-, Riff- und Ozean­systemen, auch wenn es eine Herausforderung ist, mit der Geschwindigkeit der Umwelt­veränderungen Schritt zu halten.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages an Küstenrenaturierung arbeiten würde, aber genau das tue ich jetzt. Wie man die Seegraswiesen im mexikanischen Karibikraum wiederherstellt, ist heute eines meiner wichtigsten Anliegen. Ich studiere keine Meerespflanzen mehr, keine bestäubenden Insekten etc., sondern wie man die Küste wiederherstellt. Sargassum hat meine Arbeit und Forschungs­interessen enorm verändert.“
– Flora, Meeresbiologin

„Unser Wissen über Sargassum ist noch relativ begrenzt, weil das Phänomen hier erst seit wenigen Jahren auftritt. Viele Dinge über die Algen sind unklar, und je mehr wir forschen, desto mehr Fragen entstehen. Um ehrlich zu sein, haben wir bisher sehr wenig Informationen.“
– Tadeo, Meeresbiologe

„Es war nicht meine Wahl, mich mit Sargassum zu beschäftigen – es hat mich gewählt. Ich hatte nie vor, diese Algen zu erforschen, aber jetzt, da sie unsere Küste bevölkern, muss ich es tun.“
– Loreena, Meeresbiologin

Strand­reiniger:innen

Die Anlandung ungewöhnlich großer Mengen Sargassum und der Druck, die Strände und Küsten von den Algen zu befreien, machen Strandreiniger:innen zu wichtigen Akteur:innen in der Karibik. Die Reinigung kann auf unterschiedliche Weise erfolgen: Einige Teams nutzen schwere Maschinen, um Sargassum von der Küste zu transportieren, andere setzen große Siebe ein, um Sand von den Algen zu trennen und Erosion zu vermeiden. Oft wird Sargassum manuell mit Harken entfernt – eine körperlich anstrengende und nicht ungefährliche Arbeit. Das verrottende Sargassum setzt Ammoniak und Schwefelwasserstoff frei, die bei längerer Exposition gesundheitsschädlich sein können. Während der Spitzenzeiten muss die Arbeit täglich wiederholt werden.

„Die Menschen, die die Strände reinigen, verdienen sehr wenig Geld. Aber es gibt immer viele, die arbeiten wollen. Die meisten sind Bauarbeiter, die über Subunternehmer beschäftigt werden und jetzt hauptsächlich mit Sargassum arbeiten.“
– Ramon, Bewohner von Mahahual
„Wenn ich Sargassum reinige, schaue ich nicht aufs Wasser, sondern immer aufs Land. Es ist frustrierend. Man sieht, wie es ankommt, und weiß, was beim Reinigen kommt. Sargassum ist schwer und die Arbeit in der Hitze mit dem Geruch ist unangenehm.“
– Martina, Strandreinigerin
„Ich mache das den ganzen Tag. Der Strand ist sauber, aber am nächsten Tag sieht es wieder genauso aus. Über Nacht kommt alles zurück, und wir reinigen erneut. Es geht immer so weiter, ein Ende ist nicht in Sicht.“
– Diego, Strandreiniger

Unter­nehmer:innen

Entweder man wird mit Sargassum reich oder man wird es los – das ist ein weit verbreitetes Motto in der Karibik. Einige Menschen sehen in Sargassum wirtschaftliches Potenzial, während andere hoffen, die Algen vollständig loszuwerden. Unternehmer:innen entwickeln Produkte aus Sargassum, darunter Dünger, Biokraftstoff, veganes Leder, Seife, Papier oder sogar Bausteine. Auch die Strandreinigung und das Entfernen von Sargassum haben sich zu einer eigenen Branche entwickelt. Die Szene des Sargassumunternehmertums wächst, internationalisiert sich schnell und vernetzt oft junge Gründer:innen aus aller Welt.

„Was immer die Natur uns gibt, muss gut sein, also glaube ich daran, Produkte aus Sargassum herzustellen. Mein Vertrauen in die Natur motivierte mich, eine Lösung zu entwickeln, die wirtschaftlichen Nutzen für die Region bringt. So investierte ich in die Idee, Bausteine aus Sargassum zu fertigen.“
– Omar, Unternehmer
„Als ich das Sargassumproblem sah, erinnerte mich das sofort an meine Kindheit in Kanada, wo wir Algen aus Seen mit speziellen Booten entfernten. Diese Erinnerung nutze ich für mein Unternehmen: Ich kaufte einige dieser Boote, brachte sie hierher und setzte sie in den flachen Gewässern ein.“
– Dean, Unternehmer
„Das Problem bei all diesen kleinen Unternehmen ist, dass es keine rechtliche Absicherung gibt. Noch ist nicht geklärt, wer für die Handhabung von Sargassum zuständig ist: Marine, Gemeinde, Fischerei oder Hotels? Solange das nicht geregelt ist, werden größere Unternehmen kaum investieren.“
– Eva, Meeresbiologin

Sand

The white, flawless sand of the Mexican Caribbean is an integral part of the image of beach paradise that underpins the region’s tourism industry. But this image is becoming more and more of a challenge to make good on. Sand is disappearing due to coastal erosion brought about by excessive arrivals of Sargassum which have prompted intense and frequent cleanings where sand, entangled with the rotting seaweed, is often transported away from the beach and buried further inland. The sand that is left of the beach is also changing, from the soft and white expectation to a hard and greyish brown reality, resulting from Sargassum decomposition on the beach.

“The texture of our beaches has changed so much since we have had Sargassum. Sometimes, the sand feels like concrete, very hard. It has lost both its softness and its color. It looks much darker now, sometimes grey, sometimes brown. Because the decomposed Sargassum is like dust, and it mixes with the sand. We will never be able to separate these two again.”
–  Orlando, entrepreneur
“We are losing a lot of sand because of Sargassum removal from the beaches. For me it’s heartbreaking that we are losing sand because we do not have much of it. Sometimes, people even bury Sargassum under the sand. They are creating a toxic pitch here.”
– Alesia, turtle conservation program
“People say that the sand is getting dirty, like grayish or something. Well, the water as well. The water has changed, it’s not clear water now. People say because of Sargassum the sand and the water have gotten some brownish color.”
– Jenaro, reef ecologist

Strand

Wenn man an das „karibische Paradies“ denkt, stellt man sich wahrscheinlich weiße Sandstrände, Palmen, die Schatten und Kokosnüsse spenden, sowie glitzerndes Wasser vor, das zum Schnorcheln einlädt. Durch die massiven Anlandungen von Sargassum wird dieses Paradies jedoch zunehmend herausgefordert. Gestrandetes Sargassum häuft sich am Ufer, verrottet in der Sonne, entwickelt einen schwefeligen Geruch und färbt den weißen Sand braun. Auch in seichten Küstengewässern zersetzt sich das Sargassum und verfärbt das zuvor klare Wasser bräunlich – ein Phänomen, das Wissenschaft­ler:innen als „braune Flut“ bezeichnen.
Das Entfernen von Sargassum vom Strand ist üblich, bringt jedoch eigene Probleme mit sich: Sand wird mit der Alge abtransportiert, Palmenwurzeln werden freigelegt, und schwere Maschinen verdichten den Sand, sodass der Strand hart wird.

„Ich denke, wir haben schon eine gewisse Toleranz gegenüber Sargassum entwickelt. Vielleicht ist der Strand voller Algen, aber das Wasser ist noch sauber, nicht perfekt türkis, aber immer noch blau – dann kann man trotzdem zum Strand gehen, Spaß haben und den Tag genießen.“
– Miguel, Umweltaktivist
„Wir verlieren Sand, die Erosion ist ein großes Problem. Einen Strand wiederherzustellen ist sehr teuer, also ist es besser, in Prävention zu investieren, statt zu reparieren.“
– Flora, Meeresbiologin
„Unsere Strände waren nie sehr breit, aber wir haben zwischen 10 und 20 Metern Strand verloren, teilweise durch die Sargassum­entfernungs­praktiken. Sie entfernen alles, bis nichts mehr übrig ist. Ich habe immer gesagt: etwas stehen lassen, damit weniger Sand mitgenommen wird.“
– Eva, Meeresbiologin

Hoteliers

Das karibische „Strandparadies“ entsteht durch die Nutzung natürlicher Ressourcen, und Hotelbesitzer:innen profitieren finanziell stark davon. Wenn jedoch massive Sargassumanlandungen dieses Bild von Paradiesstränden und die gesamte Tourismusindustrie bedrohen, sind gerade die Hotels wirtschaftlich besonders betroffen. Um den versprochenen Strand zu gewährleisten und Tourist:innen – und ihre Ausgaben – anzuziehen, benötigen Hotelbesitzer:innen saubere Strände, frei von Sargassum. Viele Hotels entlang der Karibikküste investieren erheblich in Strategien, um die Strände freizuhalten, sei es durch Barrieren oder durch manuelles Rechen der Algen. Diese unterschiedlichen Maßnahmen wirken sich durchaus aber auch negativ auf das umliegende Ökosystem aus.

„Wir versuchen, die Strände jeden Tag zu reinigen. Das verursacht große finanzielle Probleme. Und es ist nicht nur das Sargassum – es steckt so viel Müll darin. Meine Reinigungskräfte haben Stühle und viele Schuhe herausgeholt. Es ist unklar, wohin wir das alles nach der Entfernung bringen sollen.“
– Santiago, Hotelbesitzer
„Ich verstehe auch, dass manchmal nur schwere Maschinen helfen. Das ist schlecht für den Strand. Man sollte wirklich alles vermeiden, stattdessen Barrieren aufstellen und den Bereich säubern. Aber das ist teuer, nur die großen Hotels können sich das leisten. Kleine Hotels – die können das nicht bezahlen. Es ist unglaublich teuer.“
– Eva, Meeresbiologin
„Wenn man heute ein Hotel in dieser Gegend baut, muss man berücksichtigen, wie man mit Sargassum am Strand umgeht. Tut man das nicht, und baut so, als gäbe es kein Sargassum, wird man wahrscheinlich scheitern.“
– Jenaro, Riffökologe

Cenote

Cenoten sind natürliche Kalkstein­löcher oder Süßwasserbecken, die durch den Einsturz von Kalksteinformationen entstehen, die diesen eigentlich unterirdischen Wasserquellen freilegen. Die Halbinsel Yucatán ist für ihre Vielzahl an Cenoten bekannt. Diese unterirdischen Wasserbecken sind nicht nur geologisch faszinierend, sondern auch kulturell und historisch bedeutsam für die Maya. Sie betrachteten und betrachten Cenoten als heilige Orte, nutzten sie für religiöse Zeremonien und als lebenswichtige Wasserquelle.
Heute spielen Cenoten auch eine wichtige Rolle im Tourismus: Besucher:innen schwimmen in kristallklarem, türkisfarbenem Wasser, tauchen in Höhlen und entspannen in Hängematten. Die Ankunft von Sargassum beeinflusst die Cenoten und ihr empfindliches Ökosystem auf zwei Arten: Immer mehr Tourist:innen baden in den Cenoten und hinterlassen Müll und Sonnenschutzreste. Außerdem wird Sargassum, das unsachgemäß im Dschungel entsorgt wird, flüssig und sickert in die Cenoten, wodurch sich die Nährstoffzusammensetzung verändert und das Ökosystem beeinflusst wird.

„Ich mache mir Sorgen, wenn ich sehe, wie viele Menschen jetzt in die Cenoten springen – selbst in die versteckten. Das ist zu viel Druck für diese Ökosysteme, und wir dürfen nicht vergessen: Alles ist miteinander verbunden. Wer einen Ort beeinflusst, beeinflusst am Ende alle.“
– Eva, Meeresbiologin
„Tourist:innen stören sich wegen des Sargassums am Strand. Also kommen sie hierher, um den Cenote zu sehen. Ich lasse sie schwimmen, sie können ein Bier trinken und den Tag mit Familie und Freunden verbringen. Ich verlange 20 USD, und ehrlich gesagt profitiert mein Geschäft von den Algen.“
– Eden, Betreiber eines Cenotes
„Wir werden hier Wasserproben nehmen, weil das, was wir hier sehen, das ist, was wir ‘ojo de agua’ nennen – ein Wasserauge. Hier fließt das Wasser aus den Cenoten zurück in den Ozean. Am Ende ist alles verbunden. In meinen Proben habe ich bereits Reste von Kokain und anderen Drogen gefunden, und ich hoffe, mit derselben Methode herauszufinden, welche Auswirkungen Sargassum auf das Cenotenökosystem hat.“
– Paolo, Laborassistent

Reef

Das Große Maya-Riff, offiziell als Mesoamerikanisches Riff bekannt, erstreckt sich über rund 1.000 Kilometer entlang der Karibikküsten von Mexiko, Belize und Honduras. Es ist ein zentraler Bestandteil des karibischen Ökosystems und bietet Lebensraum für zahlreiche Fischarten, Meeresschildkröten, Korallen und andere marine Organismen.
Das Riff steht jedoch unter starkem Druck und hat in den letzten Jahrzehnten erheblich an Struktur und Artenvielfalt verloren. Ein zunehmend diskutierter Faktor ist Sargassum: Die großen Algenmassen erschweren die Photosynthese für Unterwasser­pflanzen und wirken sich negativ auf Wasserqualität und Nährstoff­verhältnisse aus. Veränderungen in der Wasserfarbe und erhöhte Nährstoff­konzentrationen können die empfindlichen Riffökosysteme zusätzlich belasten.
Ein geschädigtes Riff ist nicht nur ein ökologisches Problem, sondern wirkt sich auch direkt auf die Küsten aus. Riffzerstörung führt zu Erosion an Stränden, da das Riff als natürliche Schutzbarriere gegen Wellen und Wind verloren geht.

„Das Riff ist für mich wie ein Schutzwall. Es schützt unsere Küsten vor hohen Wellen und Wind.“
– Flora, Meeresbiologin
„Wir wissen alle, dass sich das Riff in den letzten 25 Jahren stark verändert hat. Und jetzt bringt Sargassum noch weitere Probleme, weil es zu viele Nährstoffe mit sich bringt. Unser Riff hat alle Hindernisse gegen sich.“
– Miguel, Umweltaktivist
„Das Riff erodiert alarmierend schnell. Die Seegräser werden weiter zurückgehen; nahe der Küste sind die meisten schon verschwunden wegen der braunen Sargassumfluten. So etwas habe ich noch nie gesehen, das Meer ist nicht mehr wie vor Sargassum.“
– Eva, Meeresbiologin